Manuel will heute schneller laufen und 40 km hinlegen, da er es kaum erwarten kann, in Santiago anzukommen. Mir geht das nicht so und ich geniesse die letzten 2 Wochen so gut es geht. Also laufe ich um halb 7 wieder mal alleine los und geniesse die Stille der Natur, die mich gleich hinter dem Dorf erwartet - ohne anderen Schritte, ohne Worte und ohne Musik - einfach die reine Natur. Die Landschaft und der heutige Tag ist eigentlich schnell beschrieben, denn von den heutigen 30 km laufe ich mit Ausnahme von 2 fast schon pittoresken Dörfern nur an Getreidefeldern entlang - stundenlang, mit ganz wenigen Auf und Ab ist es topfeben. Das ist die Landschaft der Meseta, der spanischen Hochebene, die auf ca. 900 Metern liegt und mir auch die kühlen Nächte und Morgen beschert sowie dieser fantastische kühlende Wind zum Wandern. Da es auch nur ca. alle 10 km ein Dorf gibt entscheide ich mich heute für die kurze Variante und beende den Wandertag nachmittags vor 14 Uhr im wunderschönen Dorf Castrojeriz, da ich echt keine Lust auf weitere 10 km habe. In der Herberge entscheide ich mich für das hinterste versteckte Bett in der Hoffnung, dass die Schnarcher weit weg sind. Nach dem üblichen Ankommensprogramm besichtige ich das grosse, langgezogene Dorf, das aber wiedermal wie ausgestorben wirkt. Ebenso fallen mir auf, dass es hier sogar 3 Kirchen gibt und dass nur die Strasse, auf denen wir Pilger laufen, in einem wirklich guten Zustand ist. Wenn man eine Querstrasse weiter geht sieht das Ganze schon wesentlich ärmlicher und verfallener aus. Ich denke, dass auch hier EU-Fördermittel geholfen haben, den Jakobsweg in einen guten Zustand zu bringen und um den Touristen einen guten Eindruck zu vermitteln. Besonders überrascht bin ich dann aber doch noch, als ich an diesem Sonntag direkt neben dem Colaautomat auf dem ausgestorbenen Gemeindeplatz von meinem Handy aus direkten Zugriff aufs Internet habe. Ich komme mir hier irgendwie vor wie in einer Oase, denn morgen geht es weiter mit den unendlichen Kilometern in der Meseta ohne Schattendie direkt unmittelbar hinter dem letzten Haus des Dorfes beginnt.
Nach langem Warten freut man sich mit leerem Magen umso mehr aufs Nachtessen, doch wenn man Spaghetti mit Gambas und Paella aus der Mikrowelle verzehren muss hört der Spass auf. So bin ich schnell fertig mit dem Essen und nach einiger Konversation auf Spanisch warte ich aufs Schlafengehn....

1-6: Meseta pur; für die einen eine Wüste, für die anderen spirituell, für mich sehr langweilig....
Mo. 29. Juni, Castrojeriz - Villalcázar de Sirga
Oh je ich habs trotz hinterstem Platz in der Herberge schlecht erwischt: Als ich um 0540 das erste Mal die Augen richtig aufmache sehe ich, dass ich der letzte im Bett bin. Keine Ahnung wo die alle hinwollen ! So stehe ich halt auch auf und da das gesamte Frühstück von den anderen schon weggeputzt wurde mache ich mich kurz nach 6 halt ohne Frühstück auf den Weg. Die Stimmung ist vor dem Sonnenaufgang einzigartig mit einem tollen Farbschauspiel am Himmel. Nach der Überwindung eines kleinen Tafelberges gehts dann in der Meseta 2 Stunden weiter bis zum üblichen spanischen Frühstück aus Bocadillo mit Käse und Schinken sowie einem Milchkaffee. Kurz nachdem das Zeugs unten ist gehts weiter und oh wie schön, ich bin ganz alleine unterwegs in dieser riesigen Getreidewüste und ich habe Musse, mir einige persönliche Sachen zu überlegen. Das Wetter ist wieder nett zu mir, das heisst leicht bewölkter Himmel und ein kühles Lüftchen. Mir gefällts heute richtig, nur die Strecke wird noch eintöniger: Nachdem ich einige Kilometer einem Bewässerungskanal entlang gelaufen bin und im Städtchen Fromista gegessen habe geht es am Nachmittag knapp 15 km ziemlich gerade entlang der Strasse, aber immerhin auf einem abgetrennten Weg. So brauche ich meine Musik jetzt ganz besonders und bin dann sehr froh, dass mein Zielort nach 40 km kurz nach 14 Uhr endlich in Sichtweite kommt. Nach der Erfahrung von gestern suche ich mir ein Casa rural aus, das ist ein Privatzimmer bei einer Familie und bin auf dem Stock der einzige. Bis am Abend schaue ich fern und schlafe. Das Dörfchen ist mir fast ein bisschen zu ruhig, aber es bietet wohltuenden Abstand zu dem Pilgertum. So treffe ich beim Nachtessen noch einen etwas über 50 jährigen Schweizer, der an Burn-out gelitten hat und sich jetzt auf dem Jakobsweg therapieren will. Nach einigen Diskussionen mit ihm sehe ich aber, dass trotz wochenlangem Laufen noch fast keine Besserung eingetreten ist und er vom Verhalten her noch immer voll am Arbeiten ist. Nach 21 Uhr ziehe ich mich auf mein Zimmer mit Fernsehen zurück und geniesse den Rest des Abends.

1-6: Weiter durch die Meseta !
Di. 30. Juni, Villalcázar de Sirga - Terradillos de los Templarios
Wie schön wieder aufzuwachen wenn ich will, jedoch bin ich dann schon etwas erstaunt, als bei Weckzeit um 0620 alles noch stockdunkel ist - keine Notausgangsbeleuchtung und keine Taschenlampen sind sichtbar. So prügle ich mich wieder mal aus dem Bett und marschiere kurz nach 7 bei wolkenlosem Himmel weiter auf dieser stupiden Route entlang der Strasse bis ins nächste Dorf, um ausgiebig zu frühstücken. Gemäss Buch folgt jetzt dann eine 18 km lange eindrückliche spirituelle Strecke, sogenannt "Meseta pur" ohne Schatten und ohne Dorf. Als ich dann gestärkt losmarschiere finde ich auch fast alles so vor, ausser dass es wirklich nicht besonders eindrücklich ist, weitere Kilometer entlang von topfebenen Getreidefeldern zu laufen. Was hier spirituell sein soll frage ich mich wirklich. So setze ich meinen schnellen Schritt an, höre Musik und warte halt einfach, bis dieses nächste Dorf erscheint. Wie man ja auf dem Jakobsweg lernt, hat alles Leiden irgendwann ein Ende, so auch hier: Vom Dorf schaut lange Zeit nur der Kirchturm über die Meseta bis man plötzlich nach einem kurzen Abstieg mitten im verlassenen Dorf steht. Dass man von Getreideanbau, auch wenn ich den Feldern nunmehr etwa 100 km entlang gewandert bin, nicht reich werden kann, sieht man hier wieder besonders gut, denn das ganze macht nicht einen speziell einladenden Eindruck. Die einzige Bar in diesem Kaff abseits der Welt ist voll von Pilgern und so raste ich halt im kleinen Pärkchen neben dem Brunnen, den noch niemand erspäht hat. Nach einer Mittagsrast ohne Essen gehts nochmals knapp 2 Stunden durch die mittlerweilen schon ziemlich aufgeheizte Landschaft. Dank des wiederum vom heiligen Jakob gesendeten Lüftchen fräse ich meinem Ziel zu, dem winzigen, dafür sehr gutklingenden Dörfchen Terradillos de los Templarios. Als erfahrener Pilger lasse ich die erste mir ziemlich steril erscheinende Herberge aus und werde dafür in der zweiten umso herzlicher empfangen. So esse ich erstmals ausgiebig und werde von der netten Chefin (dank meinem spanischen Charme hehe) in ein Zimmer mit nur 3 Betten eingewiesen. Frisch geduscht geniesse ich den sonnigen, aber heissen Nachmittag und freue mich bereits aufs Nachtessen, auch wenns noch mehr als 4 Stunden dauert. Aber was sind schon 4 Stunden in einem Pilgerleben - halt auch nicht mehr als 20 km... Der Dorfrundgang bietet auch nicht viel, denn nach 5 Minuten habe ich die kleine und ziemlich runtergekommene Ansiedlung diesmal im französischen Stil ohne Bar oder Laden besichtigt. Beim Nachtessen sitze ich zur Brasilianerin Adriana an den Tisch und kann wieder mal meine Portugiesich Kenntnisse auspacken und gemeinsam mit ihr von Brasilien schwärmen. Eigentlich ist noch ein Spanier in meinem Zimmer, doch ist dieser bis am Morgen nicht sichtbar, da er mit anderen Spaniern zusammen die ganze Nacht auf dem nahgelegenen Picknickplatz durchfeiert. Schlimmer ist der Schnarcher im Nebenzimmer, der mich ein paarmal mit seinem Getöse aufweckt.
Mi. 1. Juli, Terradillos de los Templarios - El Burgo Ranero
Um halb 7 gehts ohne Frühstück aus dem Haus und ich merke, dass es wesentlich wärmer geworden ist. Bereits nach dem Bocadillo Halt im nächsten Dorf schwitze ich schon beim normalen Geradeauslaufen tüchtig. Der Rest des heutigen 33 km langen Arbeitstages ist schnell erzählt - immer geradeaus, zuerst ohne Schatten, für die restlichen 15 km dann an einer künstlichen Baumallee - natürlich immer entlang an Getreidefeldern wie wahrscheinlich schon seit mehr als 100 km. Nach 13 Uhr bin ich dann, wiederum dank toller Musik und dem nahenden Ende spürbar, aufgestellt, in einem gesichtslosen Dorf angekommen, alles mit neueren Häusern, aber mit einem offensichtlich depressiv veranlagten Dorfplaner. Bei einer nicht ganz so umgänglichen Frau finde ich ein Einzelzimmer und schlaf mich nach dem Mittagessen in einem der beiden Restaurants (es gibt noch einen kleinen Laden, dann hat sichs, kein Schild, keine Reklame, gar nichts) erstmals tüchtig aus. Wie immer evaluiere ich noch, wo der Weg morgen weitergeht, da ich sehr früh weg will und in der letzten Stadt vor Santiago, Léon, Station machen will. Nach dem Nachtessen schreibe ich draussen noch meinen Bericht und denk schon fast wieder ans Schlafen, trotzdem es erst 8 ist.

Do. 2. Juli, El Burgo Ranero - Léon
Was habe ich mir gestern auch wieder gedacht ? Um 0510 läutet mein Wecker und zerrt mich gewaltsam aus meinem Tiefschlaf. Nun ja als Pilger hat ja alles seinen Sinn und ich möchte die vor mir liegenden 20 stupiden Kilometer flach und schnurgerade möglichst schnell hinter mich bringen und an meinem Etappenort Léon genügend Zeit für eine Besichtigung haben. So watschle ich denn um halb 6 in stockdunkler Nacht durch dieses jetzt mir noch viel töter erscheinende Dorf und mache mich an die Abwicklung dieser langweiligen Kilometer. Ausser der fantastischen Nacht und dem wirklich schönen Sonnenaufgang in dieser topfebenen Landschaft gibt es sonst auch nichts weiteres zu berichten. Nach meinem Frühstück im zweiten Dorf nach 20 Kilometern gehts wieder geradeaus, diesmal aber in der Hitze und ohne Schatten. So tropfe ich fröhlich vor mich hin und beachte, immer genügend zu trinken. Ich werde trotz der mittlerweilen etwas quälenden Sonne immer beschwingter wenn ich daran denke, dass am nächsten Wochenende alles zu Ende sein soll und fliege förmlich Léon zu, wo ich am frühen Nachmittag eintreffe. Wiederum eine schon typische spanische Stadt bestehend aus einer gesichtslosen Vorstadt und einer schmucken Innenstadt. Bei der Touristeninformation lasse ich mir die Adresse einer Pension geben und beziehe wenig später ein grosses Zimmer mit eigenem Bad. Was für ein Luxus und bei weitem besser als ein Schlafsaal mit 100 Personen bei einem der beiden Herbergen hier ! Die Nachrichten im Fernsehen (nochmals ein separater Pilgerluxus) vermelden neue Temperaturhöchststände während der vergangenen 5 Jahre in Spanien und zeigen Leute, die unter der Hitze leiden. Mhh und mittlerweilen weiss ich auch, wieso dass die Polizei in Autos auf dem Pilgerweg patroulliert: Um erschöpfte Pilger einzusammeln... Wie gut habe ich Erfahrung und schleppe auch seit Beginn geschätzte 10 kg weniger Körpergewicht mit ! Nach 15 Uhr suche ich mir ein schönes Lokal zum Essen mitten in der Fussgängerzone und geniesse den Nachmittag als Tourist in vollen Zügen. Danach folgt ein Banana Split mit Sicht auf die Kathedrale, eine kleine Stadtbesichtigung und dann wie üblich, wenn man in einer grossen Stadt nicht in einer Herberge übernachtet, auch das Einkaufen des Nachtessens, denn der seriöse Pilger so wie ich sind schon im Bett, wenn hier die Restaurants erst aufgehen. So esse ich mein Nachtessen vom Supermarkt Eroski (nein das ist kein Sexshop wie ich zuerst auch gedacht habe) gepflegt im Bett, schaue fern und schlafe wieder einmal früh ein.

1-2: Sonnenaufgang über der Meseta
3: Die Kathedrale von Léon
Fr. 3. Juli, Léon - Hospital de Orbigo
Heute geht es auf einen ganz speziellen Abschnitt, denn die nächste Stadt, die ich zu sehen kriegen werde, ist Santiago ! So wanke ich wieder mal mehr schlecht als recht kurz nach halb 7 aus der Pension und aus der Stadt heraus. Leider bleibt die Natur heute ziemlich verborgen, denn den ganzen Tag geht es einer vielbefahrenen Strasse entlang. Von hinten kommt plötzlich der Manuel angerast und so haben wir wenigstens bis zum Etappenort etwas zu diskutieren, dass es nicht so langweilig wird. So treffen wir schon nach 13 Uhr im Etappenort ein. Später trifft auch noch David aus der Romandie ein, der auch schon aus der Schweiz unterwegs ist und sich ebenfalls an die schöne Natur in der Schweiz oder Frankreich zurücksehnt. Auch für ihn ist Spanien wie eine Auslaufrunde und wir können die Leute echt nicht verstehen, die nur in Spanien laufen (jaja da ist auch der Kerkeling gemeint, der aber immerhin noch eine ganze Menge Kohle verdient hat für sein Geschwafel). Dann tauchen auch noch Dennis und die Schweizerin Anne auf, während Manuel und ich während geschlagenen 2 1/2 Stunden warten, bis die Waschmaschine endlich unsere wenigen wertvollen Kleider gewaschen hat. Am Abend kochen wir alle zusammen Pasta und machen einen feinen gemischten Salat. Dabei mache ich einen Fehler, der sich morgen noch rächen wird... Es ist echt ein gelungener Abend und das erste Mal, dass ich auf dem Jakosbsweg selber koche. Der Sandmann meldet sich kurz darauf mit beinahe schon schweizerischer Pünktlichkeit und im Schlafsaal mit 20 Betten, der gottlob nur etwa halb gefüllt ist, versuche ich zu schlafen. Jedoch schnarchen wieder diverse Leute, zwei auch zusammen wie im eingeübten Duett und so muss ich mit meinen ebenfalls schon eingeübten und bewährten Zischlauten die Schnarcher ansprechen, so dass auch ich zu meinem Schlaf komme.
Sa. 4. Juli, Hospital de Orbigo - Rabanal del Camino
Heute in einer Woche sollte ich in Santiago sein, ein unglaubliches Gefühl ! Ich bin für einmal froh, diesem Schnarchkonzert zu entfliehen und nach dem angebotenen Frühstück mache ich mich kurz nach 7 wieder mal auf den Weg. Natürlich kommt die Sonne bald wieder, natürlich geht es wieder mal der Strasse entlang und zwar bis Astorga, d.h. für fast 20 km. Mein Magen tut weh und hat Blähungen, ich denke, ich habe mich gestern abend richtiggehend überfressen. Trotzdem zwinge ich mich, im nächsten Dorf ein Bocadillo zu essen und dann noch das teuerste in ganz Spanien. Nach ein paar Gasentweichungsübungen mit den Fingern in die Magengegend wirds dann auch langsam besser und mein Gang wird wieder spürbar schneller. Die Landschaft hat sich auch geändert, ich bin jetzt in der sogenannten Margatería, einer Landschaft, die mich mit ihren Büschen und Bäumen an Teile von Arizona erinnert, nur dass hier die grossen Kakteen fehlen. Im nächsten Dorf treffe ich noch meine wohlbekannten 3 Spanier aus Barcelona und Madrid. Die Frau laboriert an ihrer vorderen Fusssehne rum, genau das, was ich in den ersten Tagen auch hatte und das einige Pilger zum Aufgeben zwingt. So gebe ich ihr einige Ratschläge und ziehe dann weiter, bis ich kurz vor 15 Uhr und nach etwa 37 km mein Ziel erreiche. Zielsicher steuere ich eine wirklich gelungene Alberge mit einer sehr grossen Gruppe spanischer Jugendlicher an und dank meinen Spanischkenntnissen und etwas Charme (haha du Pilgerleben) finde ich mich bald in einem zwar kleinen, aber immerhin meinem eigenen Einzelzimmer für nur 15 €. Nach einem Salat und einem Erholungsschlaf mache ich danach noch meine übliche Besichtigungstour und treffe ein schönes Dorf und ein Gewimmel von Pilgern an. Morgen soll es ja dann auf diesen bekannten Cruz de Ferro gehen. Ich lasse mich nun nicht mehr von vielen Leuten beirren, ich bin alleine in meinem Zimmertrakt und morgen früh bei der Steigung ziehe ich dann sowieso an allen vorbei hehe.
Das Nachtessen soll ab 19 Uhr serviert werden doch die Köchin taucht erst kurz vor 20 Uhr auf. Als sie mir dann nur einen Teller Maccaroni verkaufen will suche ich ein anderes Restaurant auf und prompt treffe ich wieder auf meine 3 spanischen Freunde. So komme ich sowohl zu einem guten Mahl als auch zu angeregten Diskussionen und Wehklagen über die spanische Politik und die vielen ach noch viel mehr Ungerechtigkeiten dieses Systems, in dem glaube ich fast jede Provinz ihr eigener unabhängiger Staat sein will.

So. 5. Juli, Rabanal del Camino - Ponferrada
Langsam stinkt mir dieser Wandertrott mit dem frühen Aufstehen ja wirklich, aber das Ende ist jetzt abzählbar ! So wälze ich mich nach einer ruhigen Nacht nach 6 aus dem Bett und marschiere nach dem Frühstück um 7 aus der Alberge in den kühlen Morgen hinein. Nachdem mein Motor warm ist steigere ich mein Tempo und wandere durch eine schöne und endlich wieder mal abwechslungsreiche Landschaft bis hoch zum sogenannten Cruz de Ferro (Eisenkreuz). Das ist ein riesiger Steinhaufen mit einem Kreuz auf einem Stamm drauf. Die Tradition will es, dass jeder Pilger dort einen Stein niederlegt (den er von zuhause aus mitgenommen hat) und sich so symbolisch von seinen inneren Lasten befreit. Da ich nun nicht wirklich an Sinn und Wirkung eines solchen Handelns glaube (auch wenn es dieses schon seit dem Mittelalter und daher auch früher als die Pilgerei gegeben hat) mache ich auch nur ein Foto und wandere dann weiter. Der Weg ist zum Teil echt schön und ich bin wieder mal in Hochform. Zusätzlich motiviert mich die sich ausbreitende Regenwolke, so dass ich die 900 Höhenmeter Abstieg mehr fliege als wandere. So komme ich schon um 13 Uhr in der Herberge an und muss zum ersten Mal dieses grausame Bild von Rucksäcken streng in einer Kolonne aufgereiht wahrnehmen, da die Herberge von Flüe (genau sie wurde von einem Schweizer finanziert) erst um 14 Uhr öffnet. Zu meinem Schrecken nehme ich auch viele Neupilger wahr, die entsprechend aufgeregt durch die Reihen tanzen. In der ganzen Aufregung vor 14 Uhr habe ich dann noch die nette 19 jährige deutsche Gesprächspartnerin aus den Augen verloren und so werde ich als Rucksack Nummer 20 in ein kleines 4-Bettzimmer zu einer spanischen Familie zugeteilt. Hier wie in allen spanischen Städten, die ich gesehen habe, das gleiche Bild: Eine schmucke Innenstadt und architektonisch grässliche Vorstädte, wo Häuser wie grosse gekachelte Legosteine ausschauen. So schlage ich mir denn essenderweise die Zeit in der schmucken Innenstadt tot, wo am Sonntag nicht grad viel läuft. Als ich in die Herberge zurückkehre, trifft mich grad nochmals der Schlag: Mittlerweile ist diese mit 200 Personen ausgebucht und es sieht aus wie in einem Bienenhaus. Was das noch mit Pilgern zu tun hat ? So verlasse ich diese Stätte der nutzlosen Betriebsamkeit bald wieder und mache mich um 19 Uhr in dieser spanischen Stadt mittlerweilen wieder hungrig auf eine ebenfalls nutzlose Suche nach einem warmen Nachtessen. So bin ich denn froh, dass ich einen betriebsamen Templermarkt finde, wo es auch einen eher untypischen Kebabstand gibt. So esse ich denn mit anderen spanischen ! Pilgern zusammen Kebab und bei der Rückkehr in die Unterkunft finde ich sogar noch einen offenen Laden. So macht sich denn Pilgerbiene Nummer 20 in ihre zugeteilte Wabe, wickelt sich in den Schlafsack und träumt von besseren Zeiten...

1: der Cruz de Ferro
2: durch eine wunderschöne, gottlob wieder etwas hügeligere Landschaft
3: Rucksackwarteschlange in Ponferrada

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