Di. 2. Juni, Conques - Montredon
So plötzlich und geheimnisvoll Conques gestern plötzlich aus dem Nichts auftauchte, so plötzlich verschwindet es heute beim Abstieg auch wieder in der Unendlichkeit des Waldes. Nach einem steilen Aufstieg geht es 15 km auf asphaltierter Strasse (der sogenannten chemin de crète) wie auf einem Höhenweg mit gewaltiger Rundumsicht weiter. Ich habe immer noch die Orgelmusik von gestern im Ohr und so höre ich mir, begleitet von einem tausenfachen Zirpen, von Deep Purple das Concerto for Group and Orchestra an. Ich fühle mich heute sowohl dem Himmel als auch Santiago de Compostela ein ganzes Stück näher. Um die Mittagszeit komme ich an meinem Rastort an, von Restaurants natürlich keine Spur und die Läden haben natürlich alle wieder geschlossen - bis auf einen, der noch geöffnet hat aber auch nur, weil noch ein paar Leute im Geschäft miteinander reden. So bestelle ich mir denn dort mein Mittagessen und esse es gleich auf der schattigen Bank neben der Kirche. Nachher möchte ich noch ein Kaffee in der Bar trinken, aber die hat mittlerweilen auch geschlossen. So sitze ich mit 2 Franzosen und einem Schweizer vor der geschlossenen Bar wie bestellt und nicht abgeholt. Nach einer sehr ausgiebigen Siesta gehts noch 6 km und 200 Höhenmeter bis zur wunderschönen romantischen Unterkunft, wo wir uns alle wieder treffen, da die Übernachtungsmöglichkeiten hier in der Gegend nicht grad üppig sind. Ich geniesse den Nachmittag im Gras, spanne aus und geniesse die super Aussicht auf die gegenüberliegenden Hügelzüge. Das Nachtessen bei Frederic nehmen alle gemeinsam ein und danach geniessen wir noch den tollen Sonnenuntergang im Garten seines Hauses.
Mi. 3. Juni, Montredon - Mas de Vergnes
Trotz wiedermal strahlendem Sonnenschein bin ich heute wohl mit dem falschen Fuss aufgestanden: Erstmals vergesse ich mein geliebtes Bufftuch auf dem Duvet und muss daher nach 10 Minuten wieder umkehren. Als es dann wieder losgeht, interpretiere ich nach 30 Minuten trotz zweimaligem Hinsehen einen Wegweiser falsch und laufe rechts statt links. Erst nach etwa einer halben Stunde und mit Hilfe von GPS und Kompass merke ich, dass ich falsch bin. Frustriert laufe ich zurück und nehme dann nicht mehr den umständlichen Wanderweg mit vielen Umwegen sondern laufe auf der Strasse direkt nach Figeac. Dort angekommen geht meine Kopflosigkeit weiter: Direkt vor dem Lebensmittelgeschäft frage ich einen Einheimischen, wo ich Lebensmttel kaufen kann. Nun ja, auf jeden Fall ist der Laden noch offen und ich decke mich fürs Mittagessen und den nächsten Tag ein. Nach einem kleinen Stadtrundgang in dieser romantischen Stadt gehts wieder aufwärts auf den Hügel, wo ich Roberto, einen Schweizer, wieder treffe, der auch bis Santiago unterwegs ist. Wir laufen dann zusammen bis zu unserem Etappenort, einem Campingplatz, und er erzählt mir, dass er sich bereits mit 40 zur Ruhe gesetzt hat... Bei der Ankunft ist das Schwimmbecken auch wirklich mit Wasser gefüllt und trotz der vielen Regeln bezüglich Badehose, Badetuch und wo ich meine Schuhe deponieren muss, gelingt es mir noch, 10 Minuten in diesem erfrischenden Nass zu verbringen, bevor ich von einer anderen Person wieder aus dem Wasser gejagt werde, da offensichtlich die Chemie noch im Wasser fehlt und ich könnte ja ein böser Kontrolleur sein. Ah auch Träume lassen sich manchmal einfach verwirklichen. Auf jeden Fall kommt mein Spruch, dass der Campingplatz der Ort auf Erden ist, der die am stärksten reglementierte Freiheit hat, wieder mal voll zum Zug. Vor und nach dem etwas einfachen Nachtessen geniessen wir, zusammen mit zwei weiteren netten Franzosen aus Paris und Marseille, von unserem Chalet aus die Abendsonne.

1: Mittagessen in Figeac
2,3: Am Abend auf dem Zeltplatz von Mas de Vergnes beim Ausspannen
Do. 4. Juni, Mas de Vergnes - Limogne-en-Querzy
Heute habe ich trotz der geplanten Megaetappe von 38 km Mühe aus dem Bett zu kommen. Irgendwie gelingt es mir jedoch und ich mache mich um 7 ohne Frühstück auf den Weg, wiederum unter strahlend blauem Himmel. Es geht vorwiegend auf Hügelrücken in einer bis jetzt am abgeschiedensten Landschaften dem ersten Ziel, der Kleinstadt Cajarc, zu. Die Stadt liegt wie eingezwängt zwischen steilen Hügeln und verschwindet nach dem Picknick auf dem Bänkli auch ebensoschnell wie sie aus dem Wald aufgetaucht ist. Nun geht es nochmals 200 Höhenmeter einen Eichenwald hoch auf einem wirklich miesen Weg und 8 km vor dem Etappenziel mache ich auf einer schönen Wiese direkt bei einem Brunnen mit Trinkwasser meinen Mittagshalt. Nach meinen obligaten lukullischen Genüssen halte ich genüsslich noch einen Mittagsschlaf und setze meinen Weg nach 1 1/2 Stunden wieder fort. Langsam stinkt es mir mit Laufen, mein Rucksack drückt und so bin ich froh, dass ich endlich am Etappenort in der Gemeindeherberge ankomme und noch ein freies Zimmer finde. Umso überaschter bin ich dann, dass meine 3 Freunde von gestern schon angekommen sind, obwohl ich als erster losgelaufen bin. Des Rätsels Lösung: Sie haben abgekürzt und sind auf der Strasse gelaufen... Zusammen wollen wir dann in die Pizzeria, aber die hat natürlich ausserplanmässig geschlossen. So suchen wir uns halt ein anderes Restaurant und dürfen nicht mal draussen essen, da der einzigen Bedienung der lange Weg zuviel ist. Trotzdem haben wir zu viert noch einen schönen Abend und sind dann wie immer kurz nach 9 im Bett (ohne Federn...)

1,2: Unterwegs in der französischen Endlosigkeit
Fr. 5. Juni, Limogne en Querzy - Cahors
Heute steht nochmals eine Megaetappe von 38 km an. Ausnahmsweise ist es bewölkt, als wir uns nach dem selber eingekauften Frühstück um 0730 auf den Weg machen. Voll motiviert gehe ich als einziger auf dem Wanderweg und nicht den direkten Weg auf der Strasse. Leider ist das nicht unbedingt eine gute Idee, denn das in den Büchern angekündigte Dorf will und will nicht erscheinen. Offensichtlich wurde die Routenführung geändert und so sind am Ende des Tages sicher 40 km auf dem Zähler. Die Motivation schwindet dadurch erheblich und die Beine sind schwerer als auch schon. Um 1130 lasse ich mich abgekämpft und müde zum Mittagessen ins Gras fallen. Nach einer halben Stunde gehe ich schon wieder weiter und muss bei der nächsten Tafel mit Schrecken feststellen, dass ich immer noch 19 km vor mir habe. Immerhin laufe ich runder und besser und so komme ich wieder gut voran. So bin ich denn um 4 in Cahors und werde gleich bei der Brücke von netten Damen begrüsst, die sich nur um die Pilger kümmern. So können die mir denn auch gleich eine Unterkunft buchen. Bis dorthin schlendere ich durch die schönen Gässchen von Cahors und nehme besorgt dunkle Wolken wahr. Gerade noch rechtzeitig erreiche ich die etwas zu funktionelle Unterkunft, wo ich der einzige Gast bin. So esse ich denn wegen anhaltendem Sturm und Regen mit den Gastgebern, einem Mann aus Sierre in der Schweiz und seiner netten Frau aus Südkorea, die nach Frankreich adoptiert wurde. Gemeinsam wurden wir auch Zeugen von Federers Einzug ins Finale, bevors wiederum nach 9 das Bett beziehe.
Sa. 6. Juni, Cahors - Moncuq
Nach dem Morgenessen und dem Einkauf des Mittagessens gehts heute zuerst durch die ganze, sehr nette Stadt und über eine historische Brücke (langsam frage ich mich ja schon was eigentlich in Frankreich nicht alt und historisch ist) und gleich dahinter beginnt ein steiler Aufstieg. Verwunderlicherweise bin ich körperlich nur wenig müde von gestern und so komme ich trotz etwas reduziertem Tempo gut voran. Heute scheint Grosskampftag zu sein - ein Grosskampf zwischen den Elementen, nämlich den tiefdunklen Regenwolken, dem blauen Himmel und dem zügig wehenden Wind. Wiedermal setzt sich bis zum Abend die Sonne durch, aber die Wolken halten sich hartnäckig. So geniesse ich während des heutigen Marsches auf grossteils flachem Terrain ein ständig wechselndes Naturschauspiel und bleibe vom Regen bis zur Ankunft in einer netten Gite (Unterkunft meistens in Mehrbettzimmern und Halbpension vielfach für Pilger) verschont. Leider muss ich das Waschen der Wäsche bis auf morgen verschieben, da die Waschmaschine den Geist aufgegeben hat und ich auf Handwäsche heute überhaupt keine Lust habe. So besichtige ich denn das sympathische Städtchen, das mit nur 1300 Einwohnern für Frankreich eine erstaunlich grosse Anzahl von Geschäften hat. Ich kaufe schon für die morgige Etappe ein und geniesse mit Jean-Paul aus Marseille, den ich jetzt schon 4 Tage kenne, in einem Café die Sonne. Vorher lasse ich es mir nicht nehmen, in einer Patisserie ein feines Erdbeermousse zu kosten. Das Nachtessen ist soweit gut, aber wegen ein paar stillen Zeitgenossen aus Deutschland und Afrika kommt für einmal gar keine Stimmung auf. Die Dame aus Afrika ist derart religiös, dass die offenbar nur mit ihrem Herrn Jesus fähig und willens ist zu kommunizieren. So bin ich denn froh, nach dem Nachtessen um 9 in meinem Bett in einem 3er Zimmer, das ich für mich alleine habe, auf Tauchstation gehen zu können.

1,2: Ultreia immer weiter !
So. 7. Juni, Montcuq - Moissac
Da ich für heute wiedermal eine grössere Etappe geplant habe bin ich um 0615 bereits am Zmorge und um 7 Uhr aus dem Haus raus. Die ersten 10 km wandere ich bei mehrheitlich sonnigem Wetter und einem zügigen Wind auf dem Jakobsweg, nachher nehme ich für einmal als einfacheren Weg die Strasse bis zum Etappenort. Man muss höllisch aufpassen, dass einem niemand überfährt, gerade auch weil heute in Frankreich Muttertag ist und ich mittlerweilen weiss, dass hier ohne Rotwein nichts geht, egal zu welcher Tageszeit. So plärrt die meiste Zeit beim Marsch an der Strasse Musik aus meinem elektronischen Wunderding, von Rock über Blues bis Pop. Irgendwann hat gottlob aber jede Quälerei ein Ende und ich treffe in Moissac ein, mit über 10'000 Einwohner nicht ganz klein, aber da Sonntag ist, absolut tot. Als Spezialität vermerken muss ich natürlich noch, dass ich jetzt das erste Mal unter 100 Höhenmetern bin. Nach dem Bezug des riesigen Einzelzimmers in der Unterkunft einer irischen Gastfamilie gehts dann in die Stadt und ich komme genau zeitig, um Roger Federer erstmals in Roland Garros siegen zu sehen. Juhee ich freu mich für ihn ! Um halb 6 besuche ich in der Kirche noch den wunderbaren Gesang von 4 Nonnen und treffe Jean-Paul wieder an. Zusammen genehmigen wir uns noch ein Perrier in der Sonne, bevor es um 19 Uhr zum super Nachtessen geht, zusammen mit Gästen aus Neuseeland, Kanada, Japan und anderen europäischen Staaten.

1-3: alles der Strasse nach Richtung Moissac
Mo. 8. Juni, Moissac - Saint Antoine
Endlich wieder einmal ist eine Etappe nicht so lang, nämlich nur etwas mehr als 30 km. Das heisst für mich spät aufstehen, was mir aber trotzdem immer noch schwer fällt. Meine Motivationskrise habe ich immer noch nicht ganz überwunden und lasse es nach dem Morgenessen bewusst gemütlich angehen. Ich komme mir momentan vor als laufe und laufe ich und komme überhaupt nicht vom Fleck, d.a. natürlich auch, näher an die Pyrenäen. Die Wettergötter sind für einmal auf ganz bedeckt gestimmt und lassen der Sonne den ganzen Tag keine Chance. So wandere ich denn geschlagene 3 Stunden am Garonne Kanal entlang, einzige Abwechslung sind die gemütlich vor sich hintuckernden Hausboote mit ihren stolzen Teilzeitkapitänen. Dann geht der Weg einer Strasse entlang ins wunderschöne Auvillar, wo ich hoch über der Garonne mein Mittagessen einnehme und mein Mittagsschläfchen halte. Der Nachmittag ist kurz und tatsächlich beginnt es exakt 500 m vor dem Etappenort zu regnen. Meine Abwartestrategie zahlt sich aus, denn wenig später ist der Spuk schon wieder vorbei. Das 5-er Zimmer teile ich mit einem norwegischen Paar, ist sehr einfach und ohne Ablegemöglichkeit, mich dünkt es eine Abzocke. Nach dem Duschen um 16 Uhr suche ich was zu Essen und werde bei einem Snickers fündig. Beim nach Hause schlendern schlägt der Wind mit Sturmböen zu und ich muss mich sogar hinter einem Auto verstecken, so dass ich nicht von einem fliegenden Ast getroffen werde. Als wir dann kurz vor 19 Uhr zum Restaurant pilgern ist es wieder absolut windstill und morgen soll es ja auch wieder schön sein... Werde ich schon wieder Glück haben ? Das Nachtessen ist in fröhlicher Runde, besonders mit einem deutschen lutheranischen Religionslehrer und Erwachsenenbildner diskutiere ich sehr intensiv bis 22 Uhr. Dann fallen aber auch uns die Äuglein zu und wir machen uns zurück zur Unterkunft.

Di. 9. Juni, Saint Antoine - Marsalan
Da die Norweger schon sehr früh gehen hält es mich auch nicht mehr im Bett und nach einem Blick zum Fenster raus weiss ich dass ich aufstehen muss: Tiefblauer Himmel ! So esse ich das Selbstbedienungsfrühstück und gehe um 0715 los. Zuerst über Asphaltstrassen, später dann auf extra für den Jakobsweg angelegten wunderschönen Naturwegen entlang von Feldern oder dem Wald. Auf den riesigen Feldern ist momentan alles am Wachsen, von verschiedenen Getreidesorten über allerhand Gemüse. Es ist echt romantisch. Mein Mittagessen kommt dann in Form des Dörfchens Lectoure respektive des wundersam noch geöffneten Supermarkts bald in Sicht und ich verzehre meine Köstlichkeiten im Schatten eines Kirschbaumes, nicht bevor ich allerdings alle schon am Boden liegenden Kirschen entfernt habe und ich gemütlich an meinen Rucksack gelehnt schlemme. Der Nachmittag mit noch 9 km ist gemütlich aber wiederum ziemlich zäh und ich muss auf die Zähne beissen, bis ich dann endlich in einem wunderschönen Anwesen mit Schwimmbad eintreffe. Für einmal bin ich der letzte im 4-Bett Zimmer, neben einem französischen Pärchen ist noch der Tscheche Petr da, den ich schon in der Kirche von Le Puy vor 14 Tagen gesehen habe. Leider mache ich dann einen kapitalen Fehler, lege mich kurz aufs Bett und schon bin ich weg und als ich wieder aufwache, muss ich das Schwimmen auf einen anderen Tag verlegen. Dafür fühle ich mich nach dem Duschen gut und ich schreibe diesen Tagesbericht am Schwimmbecken in einem Liegestuhl bei einer sehr angenehm wärmenden Sonne (Ja der Pilger soll ja nicht nur leiden haha). Das Nachtessen ist dann soso lala, zwar gut und reichhaltig, jedoch neben einem relativ rustikalen, bereits schon ins ordinär gehenden Paar aus Quebec (nein nicht aus Kanada hat sie gesagt) kein Vergnügen. So streiche ich auch schon bald die Segel und mache mich auf zu meiner ersten Nacht im Kajütenbett.

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